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Dienstag, 9. Februar 2016

Eine ausführliche Rezension für „Feedback“



Dr. Gerfried Pongratz, Lektor und Unternehmensberater in Österreich, hat eine ausführliche Rezension für „Feedback“ geschrieben: 


Hier im Klartext:

Ein Opus magnum zu einem Thema, das, als eines der mächtigsten Wirkprinzipien der Welt, in seinen vielen Facetten eine nahezu unüberschaubar komplexe Fülle von Einflüssen und Auswirkungen auf die belebte und unbelebte Natur, notabene auch auf Menschen und menschliches Verhalten besitzt. Populärwissenschaftliche Bücher müssen den "Spagat" bewältigen, interessierten Laien wie auch vorinformierten Lesern interessanten Stoff zu bieten, ohne die einen zu überfordern und die anderen zu langweilen; dem Mathematiker und Wissenschaftsautor Jürgen Beetz gelingt dies, indem er in anschaulicher – oftmals mit feinem Humor gewürzter – Erzählweise anhand vieler Beispiele und zahlreicher Zitate das nötige Grundwissen vermittelt und gleichzeitig sehr umfassend die damit verbundenen naturwissenschaftlichen, philosophischen und gesellschaftlich relevanten Erkenntnisse erläutert.

Das 378 Seiten umfassende Buch gliedert sich in 11 Haupt- und zahlreiche Unterkapitel, die – beginnend bei Situationen des Alltags – in das Thema Rückkopplung als „Ursprung von allem“ sowie Rückkopplung als Grundelement sämtlicher evolutionärer Prozesse einführen und weiterführend die Verschränkungen und Wechselbeziehungen mit den Prinzipien der Selbstbezüglichkeit (zyklische Prozesse), der Selbstorganisation und Emergenz (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile) sowie von Ursache-Wirkung-Systemen tiefgründig beschreiben. Neben Rückkopplung in der Technik widmen sich ausführliche Kapitel der Rückkopplung in der Natur (besonders in der Evolution), im Sozialleben, in Psychologie, Politik und Geschichte wie auch in der Wirtschaft. Rückkopplung „im Größten und im Kleinsten“ – vom Universum bis zu Elementarteilchen und Quanteneffekten – wie auch die (Zitat: „wagemutige“) Vermutung „Feedback ist der Ursprung von allem und führt zu einer endlosen Kette der Entwicklung“ beschließen die Ausführungen zu einem in seiner Bedeutung nicht überschätzbaren Prinzip: Rückkopplung bei der Entstehung der Welt (des Universums) bis zu deren voraussichtlichem Ende, Rückkopplung in allen Bereichen des Lebens bis in unzählige feinste Verästelungen, Rückkopplung in nahezu unüberschaubaren Wechselwirkungen und mit oftmals nicht vorhersehbaren Folgen.

Da die übergroße Themenvielfalt des Buches mit den dazugehörenden Beispielen, Erläuterungen und aufgeworfenen Fragen eine umfassende Darstellung an dieser Stelle nicht einmal annäherungsweise ermöglicht, nachstehend nur einige dem Rezensenten wesentlich erscheinende Kernaussagen:
·       Rückkopplungen kommen überall in technischen, biologischen, geologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Systemen vor, die Prinzipien der Kybernetik gelten in allen Lebens- und sonstigen Bereichen im gesamten Universum. Die Welt ist nicht linear-kausal, sondern besteht aus einem komplexen Netzwerk von rückgekoppelten Wirkungen und Rückwirkungen.
·       Je nach Art und Richtung der zurückgeführten Größe kommt es zur Selbstverstärkung der durch das System bedingten Prozesse (positive Rückkopplung; aufschaukelnd, kann zu „Teufelskreisen“ führen) oder zu deren Abschwächung, bzw. Selbstbegrenzung (negative Rückkopplung; dämpfend, stabilisierend).
·       Selbstbezüglichkeit ist der Kern der Rückkopplung, zyklische Sprüche sind deren sprachlicher Ausdruck; Beispiele: „Die Lebewesen verändern die Umwelt verändert die Lebewesen“; „die Wirklichkeit formt das Modell formt die Wirklichkeit“; „die Ursache erzeugt die Wirkung erzeugt die Ursache“. Selbstbezüglichkeiten können allerdings auch Paradoxien – alle Kreter lügen, sagt der Kreter Epimenides – erzeugen.
·       Einfache Regeln erzeugen bei Rückkopplung komplexe und oftmals nicht mehr vorhersagbare Systeme. Aus einfachen Systemen kann mit Rückkopplung sowohl Ordnung, wie auch Chaos entstehen.
·       Lineare, monokausale Systeme sind selten, es überwiegen komplexe, vernetzte, dynamische, rückgekoppelte Systeme, meist in Regelkreisen (Wirkung beeinflusst die Ursache); die Frage, wer oder was zuerst da war, ist bei Regelkreisen sinnlos.
·       Evolution (physikalisch, chemisch, biologisch, kulturell) als mächtigstes Prinzip der Welt enthält – neben Vererbung, Mutation, Selektion – als gleich wichtigstes Wirkelement Rückkopplung; diese befähigt Lebewesen u.a. zur Selbstorganisation und Regelung ihrer Prozesse.
·       Leben ist durch 3 Eigenschaften gekennzeichnet (differenzierte Systeme – Stoffwechsel, Selbstproduktivität und Mutabilität – Veränderbarkeit), die im Zusammenspiel mit Rückkopplung Emergenz erzeugen, wobei Letztere als Entstehung neuer Systeme aus vorhandenen Komponenten (Materie, Energie, Naturgesetze) definiert wird („mehr ist anders“).
·       Die Dynamik komplexer rückgekoppelter Systeme wird oft nicht verstanden, bzw. kann nur schwer oder gar nicht durchschaut werden; dies führt u.a. in Sozial- und Wirtschaftssystemen zu Aufschaukelungen und Verwerfungen. Vermeintlich einfache Lösungen komplexer, vernetzter Probleme sind meist falsch, und Eingriffe in diese Systeme erweisen sich überwiegend als gefährlich.
·       Intelligenz entsteht durch Rückkopplung von Denken und Wirklichkeit, Lernen ist ein perfekter Rückkopplungseffekt mit einem Regelkreis aus Erwartung und Erfahrung, auch Spracherwerb beruht auf Rückkopplungsprozessen. Das gesamte menschliche Weltbild entsteht durch Rückkopplung plus selektiver Wahrnehmung (Mustererkennung: richtig oder vermeintlich richtig); „Erkenntnis“ hat sich evolutionär in Rückkopplungsschleifen entwickelt.
·       Rückkopplung ist das Grundprinzip des sozialen Zusammenlebens wie auch des individuellen Verhaltens; die „Theory of Mind“ („Theorie des Geistes“, die Fähigkeit von Lebewesen, Vorstellungen von den Gedanken von anderen zu entwickeln) besteht aus einer Vielzahl von Rückkopplungsschleifen. Korrigierende – negative – Rückkopplungen fördern Erkenntnisse, positive verstärken (u.U. auch realitätsferne) Meinungen.
·       Rückkopplungsprozesse spielen auch in der Psychologie und im Sozialleben eine sehr wichtige Rolle. Der Mensch kommt ohne plausible Kausalitätszusammenhänge nicht aus; dies kann dazu führen, dass durch Rückkopplungen aus eklatanten Widersprüchen stimmige Geschichten gesponnen werden.
·       In den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen unserer Welt existieren Rückkopplungsprozesse ohne Ende, kein einziges geschichtliches Ereignis verläuft oder verlief linear und hat nur eine Ursache und eine Wirkung, man hat es immer mit komplexen, vernetzten Strukturen und vielfältigen Rückkopplungskreisen zu tun. Wesentlich dabei ist, zwischen positiver und negativer Rückkopplung zu unterscheiden.
·       Die Welt ist in Hierarchien geschichtet, zwischen deren Ebenen Wechselwirkungen bestehen, Hierarchien wachsen durch Differenzierungen zu komplexen Systemen, die deterministisch bestimmt sind und trotzdem chaotisches Verhalten zeigen können.

Im Hinblick auf (aktuelle) Probleme und Nöte der Menschheit besteht nach Ansicht des Autors eines der Hauptprobleme darin, dass wir Menschen auf komplexe Systeme Erfahrungen anwenden, die wir mit einfachen Systemen gesammelt haben – was meist schiefgeht: „Der Mensch ist die einzige Art, die aktiv zu ihrer eigenen Vernichtung beiträgt….. Wir stehen – erstmalig in der menschlichen Geschichte – an einem globalen Wendepunkt, einem Kipp-Punkt, der über die Zukunft unserer Art entscheidet. Ewiges Wachstum ist unmöglich, ebenso wie die Beherrschung immer komplexerer Systeme…. Diese theoretischen Erkenntnisse zeigen heute ihre praktischen Konsequenzen: instabile Prozesse. Die Sensibilität dafür zu erhöhen war Ziel dieses Buches“ (S. 358).

Ein Buch, das – mit persönlicher Note des Autors – weite Horizonte eröffnet und in seiner Themenverschränkung mit vielen Wissensgebieten wie auch mit aktuellen sozialen, gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Erscheinungen tiefe Einsichten – nicht nur zum Thema „Feedback“ – vermittelt. Manche Ausführungen und die Vielzahl der Beispiele mögen eiligen Lesern vielleicht etwas zu lang oder zu üppig geraten sein, die Teilzusammenfassungen am Ende jedes Kapitels sowie eine Gesamtzusammenfassung und eine Box mit den wichtigsten Aussagen und Thesen zum Thema „Feedback“ am Ende des Buches kompensieren z.T. eventuell vorher übersprungene Einzeldarstellungen. Eine uneingeschränkt empfehlenswerte – geistig fordernde – Lektüre für alle, die zu den Fragen „warum die Welt so ist wie sie ist und wie wir darauf reagieren können“ mehr wissen möchten!

Für die Fairness des Autors spricht, dass er neben der Darstellung des Themas aus naturalistischer Weltsicht auch einen Theologen [„…am Anfang stand göttlicher Geist…“] zu Wort kommen lässt (S. 350).
 

 

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